"Ich habe sehr viel von Andrea Pirlo abgeschaut"

Interview mit Fabian Stoller

30.01.2021

Fabian Stoller ist seit Sommer 2017 auf dem Spielfeld in unserer ersten Mannschaft dabei. Der 32 Jährige Mittelfeldspieler hat in seiner Fussballkarriere schon vieles miterlebt und viele interessante und spannende Lebenserfahrungen gesammelt. 

 

Breitschfans: Fabian Stoller, Deine erste Berührung mit einem Fussball?

Fabian Stoller: Meine Mutter sagte mir, sobald ich laufen konnte, habe ich gegen den Fussball getreten. Ich kann mich erinnern, dass ich einen Ball mit einer Schnur hatte, damit ich den Ball nicht immer holen musste. Meine Mutter sagte mir auch, dass meine Schuhe nicht lange gehalten haben :)

 

Welches Fussballidol hattest Du in der Jugendzeit?

Ich habe sehr viel von Andrea Pirlo abgeschaut. Seine Eleganz und Ruhe am Ball hat mich immer sehr imponiert und auch motiviert. 

 

Unter anderem mit Yann Sommer (heute Borussia Mönchengladbach) und Ivan Rakitic (FC Sevilla) standest Du schon früh mit der Schweizer U- Nationalelf auf dem Platz. Wie viel Kontakt hast Du noch mit den beiden?

Wir hatten wirklich einen guten Jahrgang und es hat immer einen riesen Spass gemacht, mit den Besten der ganzen Schweiz zusammen zu spielen. Mit Yann habe ich leider seit der U20 keinen Kontakt mehr. Mit Ivan habe ich mir immer das Zimmer geteilt. Eine kurze Zeit, als er bei Schalke 04 war, hatten wir nicht so Kontakt. Doch danach traten wir wieder in Kontakt. Heute hören wir uns wöchentlich und ich habe ihn in Zypern beim CL-Spiel oder mehrere Male in Barcelona. mehrmals besucht. 

 

Als 17 Jähriger debütiertest Du als Profi unter Urs Schönenberger beim FC Thun, welches sind Deine Erinnerungen an Deinen Ersten Einsatz in der Super League?

Ich habe damals schon als 15 Jähriger mit der ersten Mannschaft mit dem legendären Trainer Hanspeter Latour trainiert. 

Mein Debüt war am 11. Mai 2005 gegen YB (Foto mit Chapuisat). Ich war unglaublich nervös, ich habe mir sogar den Nacken verrenkt, weil ich schon zwei Tage vorher wusste, dass ich im Kader stehen werde. Aber sobald ich eingewechselt wurde, habe ich gemerkt, dass man Zeit hat den Ball anzunehmen und weiterzuspielen. Somit war ich gut im Spiel und habe ein gutes Spiel gezeigt. An das dritte Spiel gegen den Cupsieger FCZ kann ich mich sehr gut erinnern: ich kam schon nach 55 Minuten rein und habe ein super Spiel gezeigt. Ich hatte einen Weitschuss mit links der an die Unterlatte ging und wieder hinaus. Ich war mir sicher, dass es ein Tor war, leider hat der Schiri damals das Tor nicht gegeben.

 

Wie viel und was hast Du damals von Hanspeter Latour gelernt, dass Du noch heute einsetzen kannst?

Hanspeter Latour hatte immer grossen Respekt vor seinen Spielern, indem er Sie immer gesiezt hat z.B. „Dir Fabian, Dir müesst dert spiele“. Er war immer sehr engagiert und hat sein Team mitgerissen. Eine Szene werde ich nie vergessen, indem er Baykal gesagt hat: „Dir Baykal, dir chöit dert äne ga spiele, dir sit ä Badifussballer.“ Er hat ihn immer provoziert, aber so zu einem grossen Spieler geformt.

 

Der FC Thun qualifizierte sich mit Dir im Team damals für die Champions League, wie erlebtest Du dieses Fussballsensation?

Ich habe die letzten vier Spiel gespielt, womit wir den zweiten Rang erreicht haben. Ich war danach im Kader und habe mit der Mannschaft trainiert, leider habe ich es nie ins Kader geschafft. Trotzdem waren diese CL-Nächte im vollen Stadion ein Traum.

 

Vor knapp 10 Jahren bekamst Du ein Angebot von Hapoel Petah Tikva (Hapoel bedeut auf Israelisch Arbeiter) wo Du sozusagen über Nacht Deine Sachen packen musstest und am nächsten Morgen in den Flieger nach Israel stiegst. Dein erster Gedanke als Du von diesem Angebot erfuhrst?

Ich hatte zuerst Angst, aber nach mehreren Gesprächen mit Selver Hodzic (ehemaliger Spieler vom FC Thun, auch eine Saison in Israel) habe ich den Schritt gewagt. Er hat mich überzeugt, dass ich dort erfolgreich sein werde.

 

Wie war Dein erstes befinden als Du in Israel aus dem Flieger stiegst?

Ich hatte unglaubliche Angst alles hinter mir zulassen, vom einen auf den anderen Tag war ich weg von Familie und Freunden. Ich wusste auch nicht, was mich vom Land Israel erwartet - ich hatte wirklich total falsche Vorurteile.

 

Wie schnell konntest Du Dich der Israelischen Kultur anschliessen?

Die ersten paar Tage waren nicht einfach. Im Training habe ich mich gut gefühlt, aber alleine Zuhause war es nicht einfach. Beim einschlafen habe ich viel geweint. Es war alles neu - ich ging in den Supermarkt und habe versucht einzukaufen. Man muss sich vorstellen, dass man die Schrift nicht versteht und man nur auf die Bilder schaut. Ich ging am Anfang immer in ein Kaffee in meinem Quartier, wo ich meinen heutigen Freund kennengelernt habe. Er hat mich erkannt, weil in den News überall über mich geschrieben wurde. Er hat mich nach zwei Wochen zu seiner Familie zum Shabat Essen eingeladen. Beim Shabat Essen ist immer die ganze Familie zusammen, zu vergleichen mit Weihnachten wenn die ganze Familie zusammen ist.

 

Wie erlebtest Du die Stimmung in Israels Stadien, verglichen mit der Schweiz?

Die Stimmungen in den Stadien werde ich nie mehr vergessen. Bei meinem zweiten Spiel haben wir das Derby gewonnen. Sie konnten vorher über 10 Jahre nicht gewinnen. Ich wurde sofort zum Held und die Stimmung im Stadion war unglaublich, vor allem nach dem Spiel. In Social Media waren überall Videos von den Fans zu sehen, es war wirklich unglaublich. Generell ist bei jedem Match eine super Stimmung, aber wenn du gegen die grossen Teams spielst, war es noch einmal lauter. Die Anweisungen auf dem Feld hörte man nicht von den Mitspielern. 

 

In Petah Tikva wurdest Du von den Fans verehrt. Wie erlebtest Du diese Zeit?

Es war die schönste Zeit meiner Karriere. Vor jedem Spiel beim Einlaufen singen die Fans für jeden Spieler ein Lied und rufen dich zur Kurve - das Gefühl vor der Kurve zu stehen und alle feuern dich an, es ist einfach unglaublich und ich werde diese Lieder nie mehr vergessen. Auch ausserhalb des Feldes wurde ich oft erkannt und musste Autogramme geben. Im Restaurant musste man nicht immer bezahlen und in verschiedenen Geschäften gab es hier und da einen Rabatt.

 

Wurdet ihr von den Fans zwischendurch auch verwöhnt?

Wir wurden bei jedem Spiel verwöhnt, diese Fans sind einfach fantastisch und geben Dir viel Kraft auf dem Feld.

 

Im Herbst 2012 kam der Transfer zu Hapoel Haifa, wo Du nicht viele Einsätze hattest. War dieser Wechsel aus heutiger Sicht für Dich eine grosse Enttäuschung?

Ich bin nicht enttäuscht - im Nachhinein ist man sowieso immer schlauer. Nir Klingler war neuer Trainer und sein erstes Ziel war Stoller - er hat in den News gesagt, dass ich sein Pirlo und Transferziel Nr. 1 bin. Er wollte mich schon vorher, als er noch in Beer Sheva war. Ich habe dann meine Leistungen gezeigt, jedoch viel als IV. Im Zentrum gab es viele einheimische Spieler, welche stark im Verein verwurzelt waren. Der Trainer kam dann auf mich zu und sagte, wenn ich etwas finde, werde er mir keine Steine in den Weg legen.

 

Neben den sonnigen Seiten musstest Du in dieser Zeit auch eine andere Seite erleben. Wegen dem Nahostkonflikt musstest Du aufgrund von Bombenalarm dort immer wieder in den Schutzbunker. Wie hast Du Dich auf solche Situationen eingestellt?

Es war wie in einem Film. Ich war im Wohnzimmer und habe gerade die News geschaut. Dann hörte ich die Sirene und dachte zuerst, es sei im Fernsehen. Nachdem ich stumm geschaltet habe, ging ich auf den Balkon, wobei mein Nachbar oberhalb auch gerade draussen war und mir sagte, ich soll für 5 Minuten in den Schutzraum. Dieses Gefühl war unglaublich, ich hatte so eine riesen Angst und kam mir wirklich wie in einem Film vor. Ich habe dann die Sirene noch 3x gehört, einmal als ich von Haifa nach Hause gekommen und am Bahnhof von Tel Aviv angekommen bin - alle Leute rannten nach unten in den Tunnel und fünf Minuten später leben die Menschen wie nichts passiert ist. 2x habe ich noch eine Bombenabschuss gesehen und gehört. In Tel Aviv gibt es ein Verteidigungssystem, dass die Bomben entweder ins Meer leitet oder in der Luft abschiesst. Diese Ereignisse haben mich geprägt und ich habe gemerkt, wie schön und privilegiert wir es in der Schweiz haben. 

 

Du erhieltst in Israel zahlreiche Angebote von anderen Vereinen. Besonders ein Angebot von Be`er Scheva. Dieses hast Du allerdings abgelehnt. Wie erachtest Du heute diese Entscheidung?

Wie schon vorher gesagt, im Nachhinein ist man schlauer, aber wenn ich zurückdrehen könnte, dann würde ich diesen gut dotierten Vertag unterschreiben. Ich war jung und naiv und dachte, es kommt noch was Besseres. Dazu war mein Bauchgefühl nicht voll da. Fast täglich hat man dort Sirenenalarm und die Fans sind sehr heissblütig, sie verfluchen dich nach einem Spiel wenn du schlecht spielst. Dazu hat auch mein damaliger Trainer viel auf mich eingeredet. Aber ja, ich hätte diesen Vertrag aus finanzieller Sicht unterschreiben müssen.

 

2013 hast Du Israel verlassen. Wie schwer empfandest Du den Abschied?

Ja es war sicher nicht einfach. Ich hatte damals eine israelische Freundin und hatte einen grossen Freundeskreis. Jedoch war das Angebot aus Griechenland interessant, weil die Liga für mich stärker einzuschätzen ist als Israel. Deswegen bin ich auch gegangen.

 

Deine Reise führte Dich nach Griechenland zu AO Platanias Chaina und später zum Zypriotischen Verein Ethnikos Achnas. Was hast Du hier für Erinnerungen?

In Griechenland musste ich mich ins Team kämpfen als Januartransfer, aber das ist mir dann gut gelungen und war am Schluss Stammspieler. Leider ist der damalige Trainer Angelos Anastasiadis, er war auch Trainer von der Nati in Zypern und Griechenland nicht auf die neue Saison geblieben. Ich könnte ein Buch über ihn schreiben. In den nächsten sechs Monaten hatte ich dann zwei neue Trainer, wobei mich der Zweite eines Tages aus dem Kader gestrichen hat. Ich musste dann für mich alleine trainieren, Grund war Fitness, jedoch waren meine Werte die zweitbesten der Mannschaft und habe vor Weihnachten mein Vertrag dort aufgelöst. Zurück in der Schweiz habe ich mich täglich fit gehalten, wobei dann der Anruf aus Zypern kam und ich dann noch 1.5 Jahre dort verbrachte, wobei ich jedes Spiel gemacht habe, ausser glaube ich zwei Gelbsperren. Zu vielen Leuten in Zypern habe ich noch heute sehr guten Kontakt.

 

Nach Deiner Rückkehr in die Schweiz warst Du unter anderem für den FC Aarau, FC Biel und den FC Le Mont im Einsatz. Sozusagen ein Kulturschock nach Deinen Erlebnissen im Ausland. In dieser Zeit bekamst Du nochmals ein Angebot aus Israel, dass Du ablehntest. Was war der Grund?

Meine Familie und Freunde haben mir gefehlt und wir hatten beim FC Aarau das Projekt Wiederaufstieg. Leider ist nicht alles gekommen wie ich es mir vorgestellt habe, aber ich bin trotzdem für jede Erfahrung dankbar. Den erneuten Auslandtransfer habe ich abgesagt, weil mein Vater im Januar 2016 einen Schlaganfall erlitten hat und ich bei meiner Familie sein wollte.

 

Nach einem fünfmonatigen Einsatz für den SC Düdingen (damals 1. Liga, heute 2. Liga Inter), stand im Sommer 2017 der Wechsel zu unserem FC Breitenrain fest. Dein damaliger erster Eindruck vom SPITZ?

Mein erster Eindruck war wahnsinnig - Burkhalter Cup gegen YB und wir gewinnen gleich das erste Spiel. Ein Grund war sicher Christoph Schöbi, wieso ich zum FC Breitenrain gekommen bin. Wir hatten schon immer Kontakt und er hat mir auch ausserhalb des Feldes viel geholfen. Ein anderer Grund war, dass ich wieder mit vielen Jungs zusammen spielen konnte, mit welchen ich in den Junioren von Thun und YB gespielt habe.

 

Nach Deinen vielen erlebnisreichen Stationen in verschiedensten Ligen, wie erlebst Du die Promotion League?

Es ist eine sehr interessante Liga mit vielen erfahrenen EX-Profis und jungen, talentierten Spielern. Aus dieser Liga kann man mit Glück und Fleiss den Sprung nach oben schaffen.

 

Und wie erlebst Du die Stimmung auf dem SPITZ?

Wir haben eine sehr familiäre Stimmung, was mir sehr gefällt. Ich fühle mich wie Zuhause auf dem Spitz.

 

Du hast in Deiner Fussballkarriere viele Höhen und Tiefen erlebt. Wie sehr hat dich dies persönlich geprägt und was war in dieser Zeit lehrreich für Dich?

Im Ausland konnte ich sehr viel über andere Kulturen & Mentalitäten lernen. Wir in der Schweiz haben alles, aber LEBEN viel zu wenig. Leider kann man dagegen nichts machen, weil man mit dem Strom mit schwimmen muss.

In Zypern verdienen Leute 4-500 € pro Monat, aber sie sind happy und gehen jeden Tag ins Kaffee um mit anderen Leuten zu diskutieren. Oder ein anderes Beispiel: Überall wo ich war, ich konnte unter der Woche um 22h einen Freund anrufen und ihm sagen, ich möchte etwas mit ihm besprechen, gehen wir etwas trinken - dort kommen sie sofort - in der CH würde der Freund schon schlafen und das Telefon gar nicht abnehmen :).


Wegen der aktuellen Lage ist der Fussballbetrieb in der Promotion League zurzeit unterbrochen. Wie sehr fehlt Dir persönlich in dieser schwierigen Zeit der Fussball?

Die Situation an sich ist schon nicht einfach und dass man den Fussball stoppt ist umso schlimmer. Ich vermisse es sehr, fast jeden Tag auf den Spitz zu fahren und meine Jungs im Training zu sehen. Aber wir machen das Beste daraus und hoffen, dass bald wieder ein bisschen Normalität eintrifft. 

 

Welches sind Deine persönliche Ziele beim FC Breitenrain?

Wir haben eine junge und qualitativ gute Truppe. Wenn wir noch ein bisschen konstanter werden, bin ich überzeugt, dass wir unten den ersten fünf mitspielen können. Persönlich will ich jeden Tag mit Freude ins Training kommen und meine Erfahrung den jungen Spielern weitergeben.

 

Und welche für die Zukunft neben dem Platz?

Ich bin gerade Papa geworden, somit profitiere ich momentan mit meiner Familie. Dazu absolviere ich momentan das höhere Wirtschaftsdiplom, welches mir in der Berufswelt neue Türe öffnen wird.

 

Viele unserer FC Breitsch Juniorinnen und Junioren träumen von einer grossen Fussballkarriere. Welche Tipps würdest Du Ihnen für Ihren Traum zu verwirklichen mitgeben?

Sie sollen jeden Tag mit Freude ins Training gehen und wenn Sie wirklich Profi werden wollen, müssen Sie auf andere Sachen verzichten und jeden Tag hart an sich arbeiten. Der Weg nach oben ist steinig aber nicht unmöglich. Mit viel Eigenwille und Durchsetzungsvermögen kann man die Ziele erreichen. 

 

Lieber „Stolli“, herzlichen Dank dass Du Dir für uns Zeit genommen hast. Wir wünschen Dir für die Zukunft nur das Beste!

Klubhomepage FC Breitenrain